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Olympische Spiele in München - 1972

„The Games are awarded to: Munich!”

Rom, 26. April 1966: Hinter verschlossenen Türen berät das Internationale Olympische Komitee (IOC), wer die Sommerspiele 1972 ausrichten darf: Montreal, Madrid, Detroit – oder München? Die Anspannung bei den Delegationen: riesig. Nach dem dritten Wahlgang wird der Sieger verkündet. Mit dabei: Hans-Jochen Vogel, Oberbürgermeister von München.[1]

„Um 18 Uhr werden alle Delegationen in den Sitzungssaal gerufen. Beim Reingehen sehe ich, wie ein kanadisches IOC-Mitglied den Vertreter Montreals in die Arme schließt. War das eine Gratulation? Für mich eine Schrecksekunde. Doch Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der Bundesrepublik, schaut mich an, ballt die Faust und streckt den Daumen nach oben. Ich weiß: Wir haben gewonnen.“[2]

München hat die Spiele. Und ist davon selbst ein wenig überrascht: Man hatte sich erst sieben Monate vorher überhaupt für Olympia in München entschieden.[3]

Die Spiele in München sollen, 36 Jahre nach Olympia unter dem Hakenkreuz in Berlin und Garmisch-Partenkirchen, heiter werden: ein Fest des Friedens und der jugendlichen Leichtigkeit. Und das sind sie auch. Elf Tage lang. Bis sich am 05. September 1972 eine Katastrophe ereignet, die alles verändert.

Bauen für Olympia, bauen für München

Nach dem Zuschlag für Olympia heißt es: bauen, bauen, bauen. Münchens Sportstätten sind nicht für Olympische Wettbewerbe ausgerichtet, die Infrastruktur für den Transport von Menschenmassen ist nur rudimentär vorhanden.[4] Die baulichen Maßnahmen ermöglichen nicht nur Olympia 1972, sie machen München auch zur Metropole.

Spiele der kurzen Wege: Olympiagelände

Wo die Truppen schon im Königreich Bayern exerzierten, sollen jetzt heitere Spiele stattfinden.[6] Das Olympiagelände entsteht auf dem 280 Hektar[7] großen Oberwiesenfeld im Münchner Norden. Nach 1848 wurde das Gebiet verstärkt militärisch genutzt. Unter König Maximilian II. exerzierten dort Soldaten aus den nahegelegenen Kasernen. Später wurde das Oberwiesenfeld auch zum Flugplatz: Seit 1909 landeten Luftschiffe auf dem Gelände, bis in den Zweiten Weltkrieg hinein nutzte man den Platz als Militärflughafen. Nach Kriegsende wurden dort die Trümmer der Stadt abgeladen.[8] An den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus soll jetzt nichts mehr erinnern: Das Olympiagelände soll unpathetisch werden, weg vom monumentalen Gigantismus der Spiele von 1936.[9]

Wahrzeichen der Demokratie: Olympiastadion mit Zeltdach

Wer das Gelände gestalten darf, entscheidet ein Wettbewerb. Ein Entwurf des Architekten Günter Behnisch gewinnt. Das Paradestück der Olympia-Skyline: ein 74.800 Quadratmeter[10] großes, offenes Zeltdach. Es überspannt Olympiastadion, Schwimmhalle und Olympiahalle.[11] Das Dach wird zum meistdiskutierten Bauwerk der Spiele:[12] Als Modell spektakulär, aber ist es auch umsetzbar? Es folgen lange Debatten, zahlreiche Experten werden hinzugezogen. Schließlich gelingt es Ingenieur Otto Frei und seinem Team, das Dach zu bauen.[13]

Vorbild fürs Olympia-Zeltdach: der Deutsche Pavillon bei der Weltausstellung 1967 in Montreal. Ingenieur Fritz Auer, angestellt im Architekturbüro Behnisch, erinnert sich.[14]

Das Olympiagelände ist der Mittelpunkt der Spiele: Im Stadion bestaunen die Besucher Eröffnungs- und Schlussfeier, die Leichtathletik-Wettbewerbe und die Springreiter; auch Fußball wird dort gespielt. Der Star Mark Spitz krault in der Schwimmhalle. In der Eishalle, die für die Olympischen Spiele als Boxhalle umgebaut wurde[16],  stehen sich Boxer und Judokas gegenüber. Ebenfalls im Park angesiedelt: ein provisorisches Radstadion sowie die spätere Zentrale Hochschulsportanlage. Dort liefern sich die Volleyball- und Hockeystars Duelle.[17] 

Nach den Spielen bleibt das Olympiagelände ein lebendiger Ort. Im Stadion spielen lange Zeit die Profifußballer des FC Bayern München und des TSV 1860 München, heute wird es für Kultur- und Sportveranstaltungen genutzt. Das spektakuläre Zeltdach ist aus dem Münchner Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Ein (Olympia-)Dorf in der Großstadt

Die Sportler und ihre Betreuer wohnen nahe an den Wettkampfstätten im Norden des Olympiageländes. Private Träger und das Münchner Studentenwerk bauen ein autofreies „Dorf“ – drei bis zu 22 Stockwerke hohe Gebäude. Hervorstechend sind die hängenden Terrassen: Sie bieten den Bewohnern Sonne satt. Nach den Spielen leben im Olympiadorf vorwiegend Studenten.[18]

Von A nach B – öffentlicher Nahverkehr

Die Olympischen Spiele in München, das bedeutet auch: Menschenmassen aus aller Welt zu Besuch in der Landeshauptstadt. Der öffentliche Nahverkehr wird darauf ausgelegt – die wohl größte Chance für München auf dem Weg zur Metropole. Zwar ist der Bau der S- und U-Bahn bereits in Arbeit, wird durch Olympia aber erheblich beschleunigt. Zum Start der Spiele hat die U-Bahn 16 Kilometer Schienenstrecke und 17 Bahnhöfe. Die „Olympia-Linie“[19] U3 bringt die Massen vom Feilitzschplatz (heute Münchner Freiheit) zu den Wettkampfstätten auf dem Oberwiesenfeld (heute Olympiazentrum). Heute sind fast alle Stadtteile an die U-Bahn angeschlossen.[20]

Eine unterirdische Straßenbahn statt einer U-Bahn – was heute absurd klingt, ist nach dem Zweiten Weltkrieg ein realistischer Plan. Hans-Jochen Vogel erinnert sich.[21]


[1] Vgl. Münchens Olympia-Bewerbung: „Ein Wunder, dass wir die Spiele erhielten“. In: SpiegelOnline vom 10. Dezember 2007. URL: http://www.spiegel.de/einestages/muenchens-olympia-bewerbung-a-950181.html. Zuletzt abgerufen am 19.09.2018.

[2] Hans-Jochen Vogel

[3] Vgl. Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.), München ´72 (Edition Bayern, Sonderheft 2),Augsburg 2010. S. 12.

[4] Vgl. Münchens Olympia-Bewerbung. In: SpiegelOnline.

[5] Vgl. EDITION BAYERN, Sonderheft 02, S. 25f.

[6] Vgl. Egger, Simone: „München wird moderner“. Stadt und Atmosphäre in den langen 1960er-Jahren. S. 326.

[7] EDITION BAYERN, Sonderheft 02, Vorwort.

[8] Vgl. Egger, S.326-328.

[9] Vgl. EDITION BAYERN, Sonderheft 02, S. 22f.

[10] Harbeke, Carl Heinz, Bauten für Olympia 1972. München, Kiel, Augsburg, München 1972. S. 9.

[11] Vgl. EDITION BAYERN, Sonderheft 02, S. 22f.

[12] Vgl. Harbeke: Bauten für Olympia, S. 9.

[13] Vgl. Harbeke: Bauten für Olympia, S. 10 / EDITION BAYERN, Sonderheft 02, S. 26.

[14] Vgl. „Für Olympia: Anfang der 70er war hier die größte Baustelle Europas.“ In: tz-online.de. 22.11.2013. URL: www.tz.de/muenchen/stadt/milbertshofen-am-hart-ort43344/muenchen-olympia-1972-baustelle-olympiastadion-oberwiesenfeld-bilder-meta-1487615.html. Zuletzt abgerufen am 09.10.2018.

[15] Vgl. EDITION BAYERN, Sonderheft 02, S. 26.

[16] Vgl. Olympiapark München, URL: https://www.olympiapark.de/de/der-olympiapark/veranstaltungsorte/olympia-eissportzentrum/ Zuletzt abgerufen am 25.10.2018

[17] Vgl. Günter Klein: „Vor 40 Jahren – die Olympischen Spiele in München.“ In: Münchner Merkur vom 29.08.2012. S. 28.

[18] Vgl. EDITION BAYERN, Sonderheft 02, S. 24f.

[19] Vgl. “1964”. URL: https://www.mvg.de/ueber/das-unternehmen/zeitreise.html. Zuletzt abgerufen am 20.9.2018.

[20] Vgl. EDITION BAYERN, Sonderheft 02, S. 10.

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